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Artikel von Stephanie Witt-Loers

Hier finden Sie eine Auswahl von Artikeln zu Themen die Sterben, Tod und Trauer betreffen.

 

Fachartikel:

  • „Trauer um ein Kind“ Berg. Gladbach, 2007
  • leidfadenSchulprojekte im Umgang mit Tod und Trauer“ in Leidfaden – Fachmagazin für Krisen, Leid und Trauer, Heft 04/ 2012  S. 10-17,  Göttingen,  Vandenhoeck und Ruprecht                                                                                   mehr Infos unter: http://www.v-r.de/de/magazine_edition-58-58/leidfaden_2012_1_4-1007690/
  • „Trauerbegleitung im Leben von Kindern“ in Pädagogische Praxis, www.erzieherin.de, 2011
  • „Kinder sind Angehörige“, Vortragsmanuskript zum 9. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Berlin 2012
    Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Bayrisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Frauen „Hilfreiche Unterstützung für trauernde Kinder“ Oktober 2013 in: www.familienhandbuch.de

Trauer um ein Kind (erschienen August 2007)

Wir begegnen dem Tod eines Kindes

Kürzlich wurde ich gebeten zu diesem Thema, welches zurzeit aus verschieden Anlässen heraus viele Menschen in unserer Gemeinde bewegt, etwas zu schreiben.
Gerne komme ich der Bitte nach, kann aber in dem kurzen vorliegenden Artikel nur einige wenige Aspekte zu einem sehr komplexen und vielschichtigen Thema beleuchten. Möglich wurde dieser Artikel auch durch die Offenheit und das tiefe Vertrauen der Eltern und Kinder, die ich begleiten durfte.

Abschied nehmen zu müssen von einem geliebten Menschen, egal welchen Alters, ist wohl die größte Herausforderung und der schwerste Schmerz unseres Lebens. Auch Kinder sterben:
durch Krankheiten, Unfälle, Morde oder Selbsttötung. Wenn ein Kind stirbt, ist die Erschütterung, Betroffenheit und Hilflosigkeit in unserer Gesellschaft oft besonders groß. Häufig wissen wir nicht, wie wir den verwaisten Eltern und Geschwistern begegnen sollen, sind unsicher im Umgang mit den Trauernden, fehlen uns die Worte. Im Normalfall werden die Gedanken an den Tod eines Kindes verdrängt. Unser Leben soll nicht belastet und getrübt werden durch solche tragischen Schicksale in unserer unmittelbaren Nähe.
Der Tod eines Kindes bedeutet für die betroffene Familie eine tiefe und langfristige Krise. Trauer ist die natürliche Reaktion auf Verlust, sie hat ihre ganz spezifische Zeit, ihr eigenes Maß und zeigt sich auf geistigen, körperlichen und psychischen Ebenen, so individuell und vielfältig wie wir selbst sind. Sie erfasst den ganzen Menschen. Trauer ist kein vorübergehender Zustand, sondern ein langer Prozess, der sich ständig wandelt und bei jedem Menschen anders verläuft, auch wenn wir gewisse Phasen der Trauer, wie sie in der Trauerforschung beschrieben werden, erkennen können.
Tiefe seelische Entwicklungen der Trauer, die verwaiste Eltern, die Geschwister, aber auch andere Trauernde durchleben, sind für Außenstehende oft nicht sichtbar. Trauernde sind äußerst sensibel und abhängig von der Toleranz und Akzeptanz ihrer Umwelt. Sie müssen lernen mit dem Verlust und dem Schmerz zu leben. In der Trauerforschung spricht man von Aufgaben, die die Trauer stellt, die bewältigt werden müssen, wenn Trauernde wieder zu einem sinnerfüllten Leben finden wollen. So müssen sie ihr Leben neu ordnen, sich langsam  Zurechtfinden, sich finden in einer fundamental veränderten Lebenssituation, die Familie neu strukturieren und das braucht  Zeit und Raum, denn nichts ist mehr so wie es war. Unsere Gesellschaft mit ihren hohen Leistungsansprüchen und ihrer ausgeprägten„Vergnügungskultur“ lässt Trauernden wenig Raum zum Trauern und verlangt oft, dass sie schnell wieder funktionieren. Wenn wir Trauernde unterstützen möchten, müssen wir bereit sein, Schmerz mitzutragen, Anteil zu nehmen, bereit sein, Leiden zuzulassen und auszuhalten. Trauende erwarten keine fertigen Konzepte oder Antworten auf Fragen, die nicht zu beantworten sind, aber sie wünschen sich Menschen, die ihre Trauer zulassen. Anteil nehmen am Leben und Sterben der Familie bedeutet erspüren, wie viel Nähe oder Distanz der trauernde Mensch jetzt braucht. Es bedeutet offen zu sein für aktuelle Situationen, um darauf eingehen zu können. Wir selbst müssen bereit sein, die Trauer in ihrer vielfältigen Form, wie der Verzweiflung, der Ohnmacht, der Tränen, des Schreiens und der Wut, die Trauer mit sich bringt, anzunehmen, zuzulassen und auszuhalten. Der vorschnelle Trost und damit die Unterdrückung des Schmerzes sind für die Trauernden keine Hilfe.
Das Auftauchen des Todes kann von den Betroffenen, aber auch von Außenstehenden als Gewalt erlebt werden, die über uns hereinbricht, der wir ohnmächtig gegenüberstehen. Diese Erfahrung kann Wut und Aggression hervorrufen. Auch diese Gefühle anzunehmen, sie nicht wegzudiskutieren, sondern ihnen Raum zu geben ist für die Bewältigung der Trauer heilsam. Eine gewährende Haltung gegenüber dem Trauernden anzunehmen kann auch bedeuten, Schweigen und Stille zuzulassen, kann heißen, dass der betroffene Mensch sich uns anvertrauen darf, sich uns zumuten darf und wir bereit sind, uns auf seine Verfassung einzulassen. Es bedeutet zuzuhören, immer und immer wieder. Das Geschehene zu erzählen, ermöglicht Betroffenen eine eigene Auseinandersetzung. Auch das Mitteilen von Leid hilft oft den Schmerz frei werden zu lassen. Das erfordert auch von uns Geduld und Mut, denn diese Auseinandersetzung bringt die Beschäftigung mit den existenziellen Fragen bezogen auf unser eigenes Lebens mit sich, Fragen nach dem Ursprung und Sinn des Lebens, dem Prozess des Sterbens, dem Tod und damit der eigenen Endlichkeit. Aber diese Berührung eröffnet uns auch neue mögliche Sichtweisen auf Wesentliches: auf das nackte Mensch sein, dass uns in unserer oft so äußerlich orientierten Welt nach sozialem Status, Prestige und materiellen Werten abhanden kommt. Wenn wir die Möglichkeit des Sterbens in Gedanken und Gefühlen im Austausch mit anderen Menschen zulassen, zeigen sich Perspektiven im eigenen Umgang mit Trauer und wir können Trauer als notwendige und positive Erfahrung würdigen. Wir können lernen behutsam und achtsam zu werden im Umgang mit trauernden Menschen und dadurch auch mit uns selbst und unserer eigenen Umwelt, wach zu werden für Gegenwärtiges und für die wertvollen Augenblicke unseres Alltags. Die Erfahrung, Menschen so unmittelbar und tief zu begegnen, kann uns selbst unendlich reich machen.
Der Tod eines Menschen aus unserer unmittelbaren Gemeinschaft ist für uns alle, auch für unsere Kinder, eine Chance sich sensibel gemeinsam mit dem Thema Leben und Sterben vertraut zu machen und das Sterben als einen Teil unseres Lebens zu begreifen. Wir können Grenzen wahrnehmen und Verluste in unser Leben integrieren. Es ist eine der möglichen Erfahrungen, die wir jetzt machen können, dass wir den Weg der Trauer nicht immer allein gehen müssen und wir durch das gemeinsame Trauererlebnis Verständnis entwickeln können füreinander in Zeiten der Trauer, für Menschen in Trauer, dass wir Wege finden können Trost zu finden und zu spenden. Indem wir uns selbst reflektieren – welche Gefühle habe ich im Zusammenhang mit Tod und Trauer und wie begegne ich ihnen, was würde ich mir wünschen, wäre ich in Trauer – lernen wir, mit einem Teil unseres Lebens umzugehen, der noch immer zu den unbequemen Tabuthemen zählt, die aus unserem Leben ausgegrenzt werden.
Das verstorbene Kind wird der Familie immer fehlen. Die Eltern und Geschwister werden immer Eltern und Geschwister dieses Kindes sein und es wird immer eine Lücke bleiben. Wir alle können aber durch unser Verhalten dazu beitragen, dass die verwaisten Eltern und auch andere Trauernde mit dem Verlust leben können und vor lebenslangen Traumata bewahrt werden. Wir lindern den Schmerz, indem wir die Begegnung mit den Betroffenen, seien es verwaiste Eltern oder auch andere Menschen in Trauer, zulassen, sie nicht allein lassen, sie nicht ausgrenzen mit ihrer schwierigen Lebenssituation, nicht die Straßenseite wechseln oder beim Einkauf wegschauen, selbst wenn wir uns unsicher fühlen. Wir können Trauernde fragen, ob wir sie ansprechen dürfen. Wir dürfen unsere eigene Betroffenheit und Ohnmacht zeigen. Wir dürfen Sie bitten zu erzählen, wenn sie mögen. Wir respektieren, wenn Trauernde allein sein möchten und sollten nicht gekränkt sein, dass sie unser Angebot im Moment nicht annehmen können und werden. Trotzdem sind wir weiter sehr sensibel für die Trauernden da. Indem wir Trauernden in unserer eigenen Unvollkommenheit aus ehrlichem Herzen heraus begegnen, indem wir Erinnerungen zulassen und teilen, den Verstorbenen nicht zusätzlich totschweigen oder indem wir einfach unsere Unterstützung bei den alltäglichen Aufgaben anbieten, können wir eine Hilfe auf dem schweren Weg der Trauer sein.

Wenn wir dem toten Menschen einen bleibenden Platz in unserem Leben geben und -wie in der Geschichte der Raupe, die zum Schmetterling wird – anerkennen, dass der Verstorbene nicht weg ist, sondern lebt in einer anderen Form, dann liegt darin auch die Hoffnung, mit der wir hier unser Leben weiterleben und lieben können.

Stephanie Witt-Loers

 

Trauerbegleitung im Leben von Kindern

Erschienen 20.10.2011   Stephanie Witt-Loers

Sandra, die Mutter des siebenjährigen Paul hat Brustkrebs und wird in absehbarer Zeit sterben. Viel gemeinsame Zeit bleibt der Familie bis zum Sterben von Sandra nicht. Der bevorstehende Tod seiner Frau stürzt ihren Mann Daniel in ein Chaos aus Angst, Trauer und Verzweiflung. Hinzu kommen die Sorgen um den Sohn Paul. Daniel ist unsicher wie er mit Paul umgehen soll, was er ihm sagen soll.

Der Verlust eines nahe stehenden Menschen ist ein einschneidendes, schmerzvolles Erlebnis. Trauer ist keine Krankheit und entsteht da, wo Menschen eine innere Beziehung und Bindung zu dem gestorbenen Menschen empfunden haben. Sie ist ein Prozess, der von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird und sie ist notwendig, um den Verlust in das eigene Leben zu integrieren. Trauerprozesse sind enorm anstrengend und teilweise sehr beängstigend, da sich Trauer in körperlichen, psychischen, in Verhaltens- und sozialen Reaktionen zeigen kann. Hinterbliebene, auch Kinder und Jugendliche sind vielen unterschiedlichen, sehr intensiven und oft widersprüchlichen Gefühlen wie Schmerz, Verzweiflung, Liebe, Wut, Angst, Trauer, Dankbarkeit, ausgesetzt. Vielfach spielt die Auseinandersetzung mit Gedanken von Schuld eine belastende Rolle. Anders als bei Erwachsenen sind die Gefühle in der Trauer bei Kindern oft sprunghaft, schwankend und können plötzlich wechseln. Oft möchten Kinder ihre Angehörigen nicht zusätzlich belasten und versuchen durch Zurückhaltung ihrer eigenen Gefühle und Gedanken ihre Bezugspersonen zu schonen.

In der Kindheit erfahrene Verluste und deren Bewältigung haben Einfluss auf die weitere Entwicklung und Bindungsfähigkeit des Kindes. Kinder trauern wie Erwachsene so schwer, so lang, aber anders. Sie besitzen noch nicht die gleichen Fähigkeiten, sich mit Trauer auseinanderzusetzen wie Erwachsene. Weil sich ihre Trauer anders ausdrückt, wird sie häufig nicht als solche erkannt und dementsprechend begleitet. Der Tod eines nahe stehenden Menschen bringt Unsicherheit in das Leben des Kindes. Kinder müssen nicht nur mit dem Verlust zurecht kommen, sondern auch mit der Veränderung der Menschen, die um den Verstorbenen trauern. Deshalb benötigen sie einfühlsame Begleiter und aufmerksame Gesprächspartner, die ihnen ehrlich auf Fragen antworten. Sie brauchen die Möglichkeit ihrer Trauer und den damit verbundenen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Im geschützten Raum der Einzelbegleitung oder der Kindertrauergruppe können Kinder einen Ort für sich und ihre Trauer finden. Hier haben sie die Gelegenheit Fragen zu stellen, Antworten zu suchen, sich zu erinnern, sich kreativ mit ihrer Trauer auseinander zusetzten und den Tod als Teil des Lebens zu verstehen. In der Gruppe erleben Kinder, dass sie mit ihrer Trauer nicht allein sind, sie erfahren dort Verständnis, Unterstützung und können sich untereinander austauschen.

Kinder brauchen grundsätzlich eine sachliche Aufklärung zu den Geschehnissen, zu ihren Fragen nach Krankheit, Sterben, Tod und Leiden. Kinder machen sich, wenn sie nicht informiert werden, eigene Bilder zum Geschehen. Oft sind diese schlimmer als die Realität selbst. Gut gemeinte Rücksichtnahme und das „Schonen“ des Kindes vor den unabänderlichen Ereignissen führen zu einem Vertrauensverlust der verbleibenden Bezugspersonen und erschweren zudem den Trauerprozess. Für Paul ist die Aufklärung über die Krankheit, die die Mama verändert hat wichtig um zu verstehen was passiert. Warum seine Mama ihn nicht mehr in den Arm nimmt, dass sie nicht sterben will, weil sie Paul nicht mehr lieb hat und dass er keine Schuld am Tod seiner Mutter hat. In der Begleitung vor dem Tod erfährt Paul, dass er keine Angst haben muss vor der toten Mama und dass sie kein Gespenst sein wird. Er findet in der Begleitung Möglichkeiten, sich zu verabschieden: der Mama etwas zu sagen, mitzugeben, sie liebevoll zu berühren. Auch nach dem Tod der Mama ist die Begleitung für Paul wichtig. Er hat viele Fragen z. B. wann sie zu Staub zerfällt, wo sie jetzt ist, ob es weiter Weihnachten geben kann und ob es andere Kinder ohne Mama gibt. In einigen Wochen wird er in der Trauergruppe andere Kinder kennenlernen, denen es ähnlich geht wie ihm. Das wird ihn dabei unterstützen sich mit der neuen Situation zurecht zu finden.

Die Nachfrage nach qualifizierter und professioneller Begleitung trauernder Kinder wächst. Gerade Kindertrauergruppen bieten neue Perspektiven, Kindern in Krisen nach Tod und Verlust angemessen zu begegnen. Eine Liste mit bundesweit allen Institutionen und qualifizierten Begleitern für Kinder wird momentan vom Bundesarbeitskreis Kindertrauer erstellt.